Stuttgart liest ein Buch 2015: Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Sonderausgabe: Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe

Cover der Sonderausgabe für »Stuttgart liest ein Buch«

Anpassung ist alles, weiß Inge Lohmark, die Hauptfigur des Romans. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – in der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an Kindern. Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nun Strauße, ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat nicht vor, Kinder in die Welt zu setzen. Alle verweigern sich dem Lauf der Natur, den Inge Lohmark tagtäglich im Unterricht beschwört. Als sie Gefühle für eine Schülerin der 9. Klasse entwickelt, die über die übliche Hassliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Mit immer absonderlicheren Einfällen versucht sie zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Inge Lohmark ist eine Anti-Heldin, das Buch wird als Bildungsroman deklariert, aber spielt mit dem Begriff, auch hier ist gleich das Gegenteil mitgedacht. Der Roman wird konsequent aus der einseitigen Sicht von Inge Lohmark erzählt, eine Sympathiefigur ist sie nicht unbedingt, aber ein sehr prägnanter Charakter.

In dem Roman „Hals der Giraffe“ tauchen u.a. folgende Themen auf, die durch die Veranstaltungen während der zwei Wochen aufgegriffen werden:

  • Evolution, Darwinismus
  • Unterrichtsformen (Frontalunterricht versus moderne Wissensvermittlung)
  • Das Veröden von Landstrichen in den ehemaligen Bundesländern, aber auch im Westen
  • Folgen der Wende, Systemwechsel vom Sozialismus in den Kapitalismus
  • Ersatz der Religion durch andere Denkmodelle
  • Die Gestaltung des Buches ist ein Plädoyer für das Buch als haptisch und ästhetisch ansprechender Gegenstand
  • Literarisch gesehen: die konsequente Darstellung einer Anti-Heldin
  • Psychologisch gesehen: Verstand versus Gefühl – das Verorten des modernen Menschen in einer zunehmend disparaten Welt